„Da können wir noch mehr tun“
Von Christoph Theligmann
Die Rückkehr des Publikums in die Theatersäle sei spürbar, so Al Khalisi. Nach dem pandemiebedingten Einbruch steigen die Zuschauerzahlen kontinuierlich. Sie nähern sich jenen Zahlen, die vor der Pandemie als Maßstab galten – teils bis zu 200.000 Besucher pro Spielzeit. Eine Entwicklung, die das Leitungsteam als Bestätigung ihrer Arbeit versteht.

Neue Dialogräume
Drei Produktionen hob Al Khalisi in seiner Rückschau hervor. „Unser Deutschlandmärchen“ von Dinçer Güçyeter. Die Einwanderungsgeschichte zog ein ungewöhnlich diverses Publikum an – ein Publikum mit Migrationshintergrund, das sonst nur selten den Weg ins Theater Münster findet. Das Stück war nicht nur gut besucht, es habe auch neue Dialogräume eröffnet.
Ein weiteres Beispiel für künstlerisches und gesellschaftliches Engagement sei „And now Hanau“ von Tugsal Mogul gewesen. In Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Theater Oberhausen entstanden, fand das Stück über rechte Gewalt nicht nur auf heimischen Bühnen Anklang. Gastspiele in Istanbul und im Berliner Bundeskanzleramt unterstreichen seine Relevanz.
Langzeitwirkung entfalte „Das Vermächtnis – 1. Teil und 2. Teil“ von Matthew Lopez. Die aufwendige Inszenierung unter der Regie von Sebastian Schug – auch verantwortlich für den diesjährigen „Sommernachtstraum“ – hat sich als Dauerbrenner etabliert. Seit der Spielzeit 2022 / 2023 steht das Stück regelmäßig auf dem Spielplan und wird auch in der kommenden Saison 2025 / 2026 wieder aufgenommen. „Das Stück »Vermächtnis« ist wie eine Netflix Serie“, so Al Khalisi. Ein Vergleich für ein abendfüllendes Werk, das das Publikum trotz anfänglicher Zurückhaltung nachhaltig begeistert. Mechthild Großmann, bekannt aus dem „Münster Tatort“, in dem sie die Staatsanwältin verkörpert, spielt seit Teil 2 die Rolle der Margaret. Sie wolle, so Al Khalisi, „die Figur Margaret so lange spielen, bis das Publikum das Stück nicht mehr nachfragt“.
Durchhaltevermögen
Dieses Durchhaltevermögen steht sinnbildlich für die gesamte Theaterleitung um Intendantin Dr. Katharina Kost-Tolmein. Seit der Spielzeit 2022 / 2023 bemüht sich das neue Team, mit mutiger Handschrift und künstlerischer Konsequenz das Theater neu zu positionieren. Die Anlaufprobleme zu Beginn seien spürbar gewesen – sowohl auf Seiten des Publikums als auch im Ensemble. Doch, die Leitung sei jetzt angekommen. Das Publikum in Münster in einer neuen ‚Wohlfühlzeit‘ übrigens auch.
Gerade deshalb sei es schade, dass das Engagement des Leitungsteams mit der Spielzeit 2026 / 2027 enden wird. Es sei bedauerlich, dass man jetzt, wo man hier in Münster „angekommen“ sei, das Publikum die Arbeit auch in Zuschauerzahlen honoriere, die Tatsache akzeptieren müsse, dass ein wichtiges Engagement in zwei Jahren ende. Man gehe jedoch selbstverständlich mit sehr viel Motivation in die letzten beiden Spielzeiten.
Junge Menschen
Ein Thema bleibt jedoch weiterhin herausfordernd: die Ansprache junger Menschen. Zwar gibt es bereits ein kostenfreies Theaterticket für Studierende, doch Al Khalisi räumt ein: „Da können wir noch mehr tun.“ Der direkte Kontakt zu den Hochschulen sei ausbaufähig, das Theater müsse sich selbstbewusst in die Lebenswelt junger Menschen einbringen. Es ist ein selbstkritischer, aber auch ambitionierter Schlusssatz – einer, der zeigt, dass im Theater Münster nicht nur gespielt, sondern auch gedacht wird.
Remsi Al Khalisi ist seit der Spielzeit 2022/23 Schauspieldirektor am Theater Münster. Gemeinsam mit Generalintendantin Katharina Kost-Tolmein, Tanzdirektorin Lillian Stillwell und der Leiterin des Jungen Theaters, Angela Merl, prägt er dort ein Schauspielverständnis, das auf Gegenwartsnähe, Vielfalt und künstlerischen Mut setzt. Uraufführungen, internationale Handschriften und spartenübergreifende Formate – etwa die „Orestie“ oder „Blaue Frau“ nach Antje Rávik Strubel – prägen die Handschrift seiner Intendanz. Das Ensemble ist divers besetzt, das Repertoire vielstimmig und das Theater gesellschaftlich verankert.
Geboren 1967 in West-Berlin, studierte Al Khalisi Theaterwissenschaft und Romanistik an der FU Berlin. Er war Mitbegründer der freien Spielstätte „Theaterdock“ in Moabit, bevor ihn seine Wege an die Schaubühne, das Maxim-Gorki-Theater und nach Potsdam führten. Als Chefdramaturg und stellvertretender Intendant am ETA Hoffmann Theater Bamberg (2015 – 2021) profilierte er sich mit thematisch klar gesetzten Spielplänen, unter anderem zu „Was ist deutsch?“ und „Europa“. Die Bühne wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theaterpreis des Bundes.
In Münster verfolgt er diese Linie weiter: als leidenschaftlicher Kurator von Themen, die ästhetisch fordern und gesellschaftlich drängen. Dabei bleibt er stets dem Stadttheaterprinzip verpflichtet – dem Ort des Austauschs, des Streits, der gemeinsamen Deutung. 2023 wurde ihm für sein inklusives Kulturengagement die „Danke-Skulptur“ der Stadt Münster verliehen



2016 hat es eine Überschwemmung im Bereich der Kanalstraße gegeben, seitdem nicht mehr. Ich bezweifle die Notwendigkeit einer Regenwasserpumpe Anlage.…